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Teppichkunst



07.07.2009 07:15:08 Tradition

Teppichkunst in Aserbaidschan

 Von Rahib Gojayev
 
Aserbaidschan kann man ohne Zweifel als Geburtsstätte der Teppichweberei bezeichnen. Nach den archäologischen Funden, Überlieferungen antiker und mittelalterlicher Autoren kannten die Aserbaidschaner das Knüpfen und Weben von Teppichen schon während der Bronzezeit. Der älteste Teppich der Welt – der in der Gegend Pasyryk im Altaigebirge gefundene 2400 Jahre alte Teppich – wurde laut Untersuchungen auf dem Gebiet von Aserbaidschan hergestellt. Aserbaidschan war schon immer für seine schönen Teppiche berühmt und mit 114 verschiedenen Stile und Typen von Teppichen stark führend in der Teppichkunst. Die aserbaidschanischen Teppiche, die unumstritten zu den größten Teppiche des 16. Jahrhundersts gehören und übten einen großen Einfluss auf die Mustergebung der kaukasischen Teppiche aus, kann man in den besten Museen der Welt bewundern. So befindet sich der legendäre Schirwan-Teppich im Louvre und das teuerste Exemplar aus Aserbaidschan (52 m²) hat in London im Victoria Albert Museum seinen Platz gefunden. Jedoch wurden die aserbaidschanischen Teppiche öfter mal unter dem Namen Perserteppich vermarktet und auf diese Weise in Europa und in der ganzen Welt verbreitet. Diese historische Fehlentwicklung ist damit zu erklären, dass die weltweitberühmtesten Teppiche aus Südaserbaidschan und zwar aus der Region um die südaserbaidschanische Hauptstadt Täbris und Ardebil stammen, die zu dem Gebiet des damaligen persischen Reiches und heutzutage der iranischen islamischen Republik gehören. Unter Erzeugnissen aus Südaserbaidschan, dass wahrscheinlich als Wiege des Teppichhandwerks zu gelten hat, hatten manche Exemplare eine Dichte von bis zu 4.100.000 Knoten pro m² und stellten damit nicht nur ein wirklich wertvolles Kunstwerk, sondern auch eine handwerkliche Wunderleistung dar. Aber auch die Teppichgebiete Nordaserbaidschans, der heutigen Aserbaidschanischen Republik, trugen viel zum Bild der geschichtlichen Entwicklung der Teppichkunst bei.
 
Gegenwärtig lässt sich die aserbaidschanische Teppichtradition mit sieben berühmten Zentren der aserbaidschanischen Teppichkunst vorstellen: Schirwan, Baku, Guba, Gandscha, Karabach, Kasach und Täbris. Durch ihre geometrischen Muster, bei denen keine kurvigen Linienverläufe vorkommen, durch ihre ziemlich derbe Knüpfung und durch das Vorkommen von traditionellen Motiven wie Kämen, Händen sowie individuellen kleineren Zutaten des Knüpfers, sind die aserbaidschanischen Teppiche unverwechselbar. Zu erwähnen sind die geschmackvoll und feingeknüpften Teppiche aus Schirwan, Derbent und Kasach. Die letzten zeichneten sich durch einen hohen und glänzenden Flor aus und kamen aus dem nordwestlichen Teil des Landes. Die Kasach-Teppiche sind unter den Teppichen aus dem Kaukasus die bekanntesten und beliebtesten, sie sind dich und schwer. Ihre Ornamentik ist großzügig und bunt. In der Mitte des Teppichs befinden sich zwei oder drei Medallions. Oft werden die doppelt gerahmten Medallions mit hakenförmigen Figuren ausgefüllt. Die freien Flächen neben den großen Medallions sind von geometrischer oder Pflanzenornamentik dicht bedeckt, die meistens in grüner, roter, blauer oder weißer Grundfarbe gehalten ist. Die Bordüre besteht aus zwei gleichen Streifen. Auch der farbenfrohe heitere Gandscha, eine echt aserbaidschanische Schöpfung, stammt aus dem westlichen Gebiet in der Nähe von Stadt Kasach. In den Museen Europas und Amerikas haben sich viele hervorragende Drachenteppiche aus der historischen Region Schirwan und zwar aus der Nähe der Stadt Guba in Aserbaidschan erhalten. Die langen aber nicht sehr breiten Drachenteppiche aus Schirwan besitzen schmale Bordüren und enthalten Motive, meistens geometrische Formen, die mit einiger Phantasie stilisierten Drachen oder anderen Tierpaaren ähneln. Sie sind fein geknüpft und gezeichnet. Südlich vom Ursprungsgebiet der Schirwandrachenteppiche liegt die heutige aserbaidschanische Hauptstadt Baku. Die Bakuteppiche werden aber nicht in der Stadt selbst geknüpft, sondern im Nachbarort Hile. Ganz in der Nähe liegt auch Sumak, die Heimat der kelimartigen glatten Wirkteppiche, die eine ganz spezielle Herstellungstechnik erfordern. Im Westen der Aserbaidschanischen Republik entstanden Mitte des 19. Jahrhunderts Teppiche und Brücken, die europäische Schmuckmotive in östlicher Auffassung, z. B. Hunde, zeigen und haben eine typische Farbenkombination aus Schwarz und einem ins Weinrot gehenden Dunkelrosa.
 
Quelle: Tagijewa, Roja: Aserbaidschanische Teppiche – Symbole der Weltsicht des Volkes, in: Aserbaidschan Land des Feuers – Politik, Gesellschaft, Kultur, Berlin 2003.